Klein Gablick (Gawliki Małe)

Ehemaliger Landkreis: Lötzen – Heutiger Kreis (Powiat): Giżycko

‍Vorderfassade

Mit der Verleihung eines etwa 180 Hektar großen Lehnguts durch Herzog Albrecht von Preußen am 24. Oktober 1549 an die Brüder Drygalski begann die Geschichte Drygalsken, dem späteren Klein Gablick. Dieses wurde auf einer Anhöhe am Fluss Gablik (Gawlik) angelegt. Durch die Vereinigung von Ländereien im 17. Jahrhundert vergrößerte sich das Anwesen. Es gab eine Wassermühle und das Recht, ein Gasthaus zu betreiben. Johann Christoph von Lockstaedt, königlich preußischer Major, kaufte 1785 die Güter Heybutten (Hejbuty) und Klein Gablick. Zum adlig Gut gehörten 1839 die Vorwerke Gembalken (Gębałki) und Soltisken. 1856 war eine Familie Scheffer Eigentümer. Der Viehbestand belief sich im Jahre 1863 auf 903 Schafe, 73 Rinder, 31 Pferde und 24 Schweinen.

Ende des 19. Jahrhunderts erwarb Max Heumann, dessen Familie Inhaber der Waggonfabrik L. Steinfurt AG in Königsberg war, das Gut von der Deutschen Landeskreditbank Gotha. Dieser Bank gehörte das Gut nach dem Konkurs des Vorbesitzers. Mit Max Heumann begann die wirtschaftliche Blütezeit des Anwesens. Neben schon bestehenden Bauten, wie den alten Pferdeställen, entstanden neue, beeindruckend große Wirtschaftsgebäude und Stallungen auf dem Hofgelände. Es wurden in großem Umfang Schweine, Rinder, Pferde und Schafe gezüchtet. Eine Steintafel mit der Jahreszahl „1913“ verweist auf die Entstehungszeit der Brennerei. In Betrieb waren außerdem eine Molkerei und eine Kartoffeldarre.

 

„Eine bedeutsame Leistung ist auch von (…)von Max Heumann in den Annalen Ostpreußens zu verzeichnen. Dieser hatte in Klein Gablick, Kreis Lötzen, seit 1898 eine Landwirtschaft von 758 Hektar. Es war ausgesprochen leichter Boden mit ausgedehnten Moorflächen. Die landwirtschaftliche Nutzfläche betrug 558 Hektar. Durch systematische Rodung der Brüche, durch Dränage und Flußregulierung baute Max Heumann im Lauf der Zeit die Wirtschaft zu einem mustergültigen „Piassek"-Betrieb aus. Vor der Traktorzeit waren es 60 Pferde, davon zehn Vierergespanne, 70 Kühe zu 3500 kgund 3,3 Prozent Fett im Schnitt des Jahres — neben 30 Kühen der Belegschaftsmitglieder. Der starke Kartoffelanbau auf leichtem Boden hatte eine intensive Schweinezucht und -mast zur Folge, so daß jährlich 500 Dutzend Schweine zum Verkauf anstanden. Dazu kam eine eigene Molkerei, Brennerei und Kartoffelflockerei. Im Ersten Weltkrieg ließ der Russe ein Trümmerfeld von alledem übrig. Der Wiederaufbau der Gebäude ging nach und nach vonstatten. Es mußte alles von vorn angefangen werden. Die altgediente treue Belegschaft war eine zuverlässige Hilfe. Die Deputatwohnungen wurden nun vergrößert und modernisiert. Es wurde ein Saal mit Bühne geschaffen; dank Initiative der Tochter des Hauses, die die Jugend zur Kulturarbeit anregte, zu Weben und Sticken, zu Lied, Spiel und Theater, und an allen Festtagen im Rhythmus des Jahres mit ihr auftrat, wuchs die Gemeinschaft auf Gut Klein Gablick. Das 1915 völlig zerstörte Wohnhaus war nach den Plänen des bekannten Architekturprofessors Lahrs (…) neu gebaut, bis dieses Heumannsche Kulturwerk 1945 der Vernichtung anheimfiel. 1939 hatte Sohn Robert die Wirtschaft übernommen (…). Die Tochter von Max Heumann Gertrud, sowie ihr Bruder Robert mit Familie und dem ganzen Gutstreck konnten in den Westen Deutschlands gelangen.“ („ Das Ostpreußenblatt“ Jahrgang 30/Folge 38 vom 22.9.1979, S.10)

 

Das ehemalige Herrenhaus wurde nach dem Ersten Weltkrieg errichtet. Die Baupläne stammten vom Königsberger Architekt  und Kunsthistoriker Friedrich Lahrs, zu dessen bekanntesten Bauten die Kunstakademie Königsberg gehörte.

Das Herrenhaus ist ein zweigeschossiger Bau auf rechteckigem Grundriss, der mit einem hohen Walmdach gedeckt ist. Über dem Eingangsbereich der Frontfassade ruht ein Balkon, der von vier polygonalen Säulen getragen wird. Eine kleine Treppe führt zur Haupteingangstür. Ein interessantes Architekturdetail der Vorderfassade sind die Halbrundfenster des hochgelegenen Kellers, deren Form sich im Dachfenster wiederfindet. Die Parkseite gliedert ein polygonaler Mittelrisalit mit einem ebensolchen Dächlein. Gequaderte Lisenen an den Giebelseiten, Quaderputz an den Hausecken und Pilaster schmücken die Fassaden. Von der großen Terrasse geht es über eine doppelläufige Treppe hinunter zum Park mit seinem alten Baumbestand.

Neben den original erhaltenen Fenstern und Türen finden sich im Herrenhaus auch originale Einbaumöbel und Einrichtungsgegenstände. Jedoch besteht sowohl für das Herrenhaus als auch einem Teil der Wirtschaftsgebäude akuter Sanierungsbedarf, um diese teils außergewöhnlichen Bauten zu erhalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand auf dem Gutsgelände ein Staatsgut. Das verpachtete Anwesen ist im Besitz der Staatlichen Agentur für Landwirtschaftliche Immobilien (AWRSP). (Stand 2018)


Letzter Besitzer vor 1945: Robert Heumann


32 km nordwestlich von Lyck (Ełk)

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