Ehemaliger Landkreis: Allenstein – Heutiger Kreis (Powiat): Olsztyn
Die Geschichte des einstigen Rittergutes Lengainen, vor 1820 Lengeinen, begann mit der Gründung des Dorfes im 14. Jahrhundert. In einer Urkunde vom 28. Juni 1364 übertrug der ermländische Bischof Johann II. Stryprock den Preußen Gedecke und Hannicke 40 Hufen Land nach Kulmer Recht. Im Jahr 1405 wurde das Gut durch die Ausgliederung vom Dorf eigenständig. Im Verlauf der Jahrhunderte ging das Anwesen durch die Hände einiger Familien. In den 1790er Jahren bis 1807 war es Eigentum der Familie Sass. 1817 findet ein Herr von Corvin Erwähnung. Julius Kickton muss das Gut vor 1840 erworben haben, da dies das Geburtsjahr seiner Tochter Emma und Lengainen ihr Geburtsort war. Sein Sohn Hermann, einer seiner weiteren auf dem Gut geborenen Kinder, wurde 1887 Stadtbaurat in Erfurt. Um 1870 verkaufte Julius Kickton aus Altersgründen Lengainen. Nach kurzer Zeit im Besitz derer von Gramatzki wurde das Gut um 1875 Eigentum der Familie Goelder.
Ernst Binder kaufte 1904 das etwa 240 Hektar große Anwesen. Kurz nach seiner Hochzeit mit Marga Maria Freiin von Teubern im Jahr 1914 begann der Erste Weltkrieg. Ernst musste als Oberleutnant der Reserve den Kriegsdienst antreten. Bei den Kämpfen wurde er so schwer verwundet, dass er nicht mehr in der Lage war, das Gut zu führen. So übernahm Marga Binder die Leitung des nun 273 Hektar großen Gutsbetriebes. Es wurden Herdbuchvieh (Rinder) und Pferde gezüchtet. Gab es 1921 eine große Herde von 100 Schafen, wurde der Bestand später verringert und dafür die Zucht des weißen Edelschweins vergrößert. Durch den nahegelegenen Bahnhof konnte das in Gewächshäusern angebaute Gemüse schnell in das nahegelegene Allenstein transportiert werden. Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete Marga 1938 den Witwer Erhard von Teubern. Ein Jahr später erlebte sie dieselbe Situation wie nach ihrer ersten Hochzeit. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde auch ihr Mann Erhard eingezogen. Diesmal erhielt sie Unterstützung durch ihren Stiefsohn Ernst-August. Er half ihr bis Ende März 1940 den Gutsbetrieb aufrecht zu erhalten. Im Januar 1945 musste das Ehepaar von Teubern ihren Besitz verlassen und flüchtete mit dem Gutstreck vor der sowjetischen Armee. Sie überlebten die Flucht.
Das zweigeschossige ehemalige Herrenhaus wurde um 1900 mit roten Klinkersteinen und im Sockelbereich auch mit Natursteinen errichtet. Im Laufe der Zeit erhielt das Gebäude an einer Giebelseite einen etwas kleineren Anbau, der wie das Haupthaus ein flaches Satteldach hat. Dekorative Mauerwerksbänder lockern die Fassade auf. Über dem Haupteingang an der Frontseite befindet sich ein durch seine massiven, weißgestrichenen Betonstützpfeiler recht auffälliger Balkon mit hölzerner Verkleidung und einem Holzdach. Auf der Parkseite des Hauses führt eine alte, leicht geschwungene Treppe, flankiert von zwei Pfeilern, zu einer seitlich angebauten Veranda.
Nach 1945 bewirtschaftete ein volkseigener Gartenbaubetrieb das ehemalige Gutsgelände. Es wurden Plantagen mit Obstbäumen und Beerensträucher angelegt und 1962 die ersten Gewächshäuser für den Gemüseanbau, vor allem für Tomaten, errichtet. Im Herrenhaus entstanden Wohnungen für die Angestellten.
Nur das Herrenhaus und Reste des ehemaligen Landschaftsparks, der einst bis hinunter zum Ufer des nahegelegenen Sees angelegt war, haben die Zeiten überstanden. Große und alte Bäume unterschiedlichster Arten geben einen kleinen Eindruck von der vergangenen Schönheit des Parks, zu dem auch ein Teich gehörte. Neben dem Wohnhaus befindet sich die heute die größte und modernste Gewächshausanlage für den Tomatenanbau in Polen.
Das heute von mehreren Familien bewohnt alte Herrenhaus wirkt von außen und im Treppenhaus recht gepflegt. Die Originaleingangstür und -treppe sind erhalten. Fast alle alten Rundbogenfenster wurden jedoch durch rechteckige Fenster ersetzt. (Stand 7/2026)
Einen großen Dank an Frau C. Kickton für unsere gemeinsamen Telefonate, Ihre Informationen und die Bereitstellung persönlicher Ausarbeitungen Ihres Mannes zur Familiengeschichte.
Letzter Besitzer vor 1945: Marga von Teubern
13 km nordöstlich von Allenstein (Olsztyn)